Verspätungen
Ich habe ein Auto. Ich mag mein Auto. Mein Auto hat Charakter und mein Auto ist alt. Deshalb gönnt es sich hin und wieder ein Wellness Wochenende in der Werkstatt und lässt es sich dort gut gehen. Blöd nur, wenn man es eigentlich brauchen würde, um von A nach B zu kommen.
Aber wir haben ja die ÖBB. Ich fahre also vergangenen Samstag in die Steiermark auf einen kurzen Besuch in der Heimat und nehme Sonntag Abend einen Zug zurück in die Hauptstadt. Planabfahrt: 22:31 Uhr. Natürlich bin ich vorher anderweitig beschäftigt und haste zum Bahnhof. Ich schaffe es diesen um exakt 22:29 Uhr zu erreichen. Hab ich’s dir gezeigt ÖBB: 1:0 für mich.
Ich möchte wissen wo mein Zug hält und suche mir den Bahnsteig heraus. Was steht da? Ankunft: 22:30 Uhr Bahnsteig 2. Sehr schön! Doch daneben steht in gelben Lettern “aktuell 22:52 Uhr”. Mein Zug hat also fast eine halbe Stunde Verspätung. Eh klar. Wenn man es einmal pünktlich schafft, dann kommt halt der Zug ein wenig später. Ausgleich. 1:1.
Ich warte also am Bahnhof – in der Kälte. Um 22:45 Uhr fährt ein Zug auf meinem Bahnsteig ein. Wien Südbahnhof – Villach – Wien Südbahnhof. Passt. Es das Blechmonster also doch nur 15 min. verspätet. Ich steige ein. Die Abteile sind natürlich von schlafenden Reisenden belegt, aber im Großraumwagen ist ja noch genügend Platz. Und vor allem Stromanschlüsse! 2:1 für mich.
Nach ca. 3 min. kommt auch schon der Schaffner und überprüft mein Ticket, das ich mir am Nachmittag auf der ÖBB Homepage ausgedruckt und über meine Handyrechnung bezahlt habe (ist sie nicht herrlich, diese moderne Welt?). Er stempelt sie ab und meint, ich hätte Glück gehabt. Wieso Glück gehabt? Er: “Sie haben Glück, dass dieser Zug außerplanmäßig in Mürzzuschlag hält.” Sehr interessant. Hätte ich sonst auf meinen Zug aufspringen müssen? Nein – Es handelt sich um einen anderen Zug, der selbst über eine Stunde verspätet ist. Meiner kommt doch erst irgendwann – 2:2 – Ausgleich!
Fazit: Verspätungen sind cool, wenn ein anderer verspäteter Zug einem die Wartezeit auf seinen eigentlichen verspäteten Zug verkürzt.




Ich bin auch immer wieder fasziniert wie das Chaos doch funktioniert. Ich vermute es liegt an den Menschen. Wir machen zwar viele Fehler doch zugleich und gerade deswegen sind wir sehr fehlerresistent und gleichen vieles aus. Und das machen die Mitarbeiter bei der Bahn dann auch. Sie bekommen es irgendwie hin. Nicht wie es sollte und nicht ideal, aber es klappt. Wartet der eine Zug halt etwas länger, muss der andere da auch stehen bleiben, springt ein Bus ein. Irgendwie klappt es. Und sonst übernachtet man halt am Bahnhof. Eine Tasse Kaffee gibt es dann auch gratis.
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