Das iPad – Genauer Hingeschaut
Die Tore des Himmels taten sich auf und von Engelschören begleitet schritt seine Steveness herab zu den ungläubigen um ihnen das Werk zu zeigen, das sie in Ehrfurcht niederknien ließ. Und Steve sah, dass es gut war!
Nunja – ganz so war es leider nicht. Apple stellte vergangene Woche das lang erwartete iPad vor. Einen “aufgeblasenen iPod Touch”, wie manche das knapp 24×19cm große Tablet bezeichnen. Wochen- wenn nicht monatelang wurde im voraus spekuliert, was denn das neue Gadget können würde. Eine Kamera? Zwei Kameras? Welches Betriebssystem? Eine Tastatur? Wenn ja – welche? Werde ich damit Wasser kochen können…? Ich wage zu behaupten, dass der Hype bisher bei keinem Apple Gerät so groß war, wie beim iPad.Ich bereitete mich auf die Keynote vor, indem ich meine Erwartungen (die sich durch die zahlreichen Rumors aufgebaut hatten) wieder etwas runterschraubte und einfach einmal abwartete, was denn auf uns zukommen würde. In üblicher Manier geizte Steve Jobs nicht mit der Verwendung von Superlativen, als er das iPad präsentierte. Die Keynote dauerte knapp 1,5 Stunden. Dann wusste schließlich jeder, was das Ding kann und was es nicht kann – hauptsächlich was es nicht kann. Ich war enttäuscht!
Und ich war nicht der Einzige: Sofort entbrannten auf Twitter, in Foren und Online Zeitungen ausschweifende Diskussionen über das iPad. Wie schlecht es nicht sei und dass Apple sich damit sein eigenes Grab geschaufelt hatte. Was für eine Blamage für Steve Jobs! Und so weiter, und so weiter. Je länger ich dann über das Gerät nachdachte, desto weniger war ich enttäuscht. Es lohnt sich, hier grundsätzliche Überlegungen anzustellen:
Anwendungsbereich/Hardware
Viele fragten sich, wer denn das iPad überhaupt benutzen sollte – und vor allem wofür? Meiner Meinung nach ist es nicht als Ersatz für Notebooks zu sehen. Es ist ein Multimedia-Tablet für zu Hause und Unterwegs. Auf der Couch sitzen und im Internet surfen; Schnell mal eine E-Mail schreiben oder seine Tweets durchlesen; Auf dem Weg in die Arbeit, die Zeitung oder ein Buch damit lesen; Auf einer längeren Bahnfahrt einen Film anschauen (was bei 10 Stunden Akkulaufzeit kein Problem darstellen sollte)… Das sind Anwendungsfälle, die ich mir sehr gut vorstellen kann.
Natürlich wäre es auch nett gewesen, mit einer eingebauten Kamera video zu telefonieren. Aber seien wir doch mal ehrlich: Wie oft benutzen wir Videotelefonie? Und Voice Over IP soll ja laut den technischen Spezifikationen möglich sein. Auch zum Fotografieren eignet sich ein Tablet nur bedingt. Wenn man unterwegs mal schnell ein Foto machen möchte ist der Griff zum Handy sicher die bessere Wahl (wenn man nicht sowieso eine Digicam eingesteckt hat). Obwohl es sicherlich kein Problem gewesen wäre welche einzubauen, sind Kameras also nicht unbedingt notwendig.
Abgesehen davon finde ich, dass die verbaute Hardware durchaus hochwertig ist und für die Anforderungen, die an ein Tablet gestellt werden, völlig ausreichen. Benutzer, die das iPad nach der Keynote testen konnten, waren übrigens von der Schnelligkeit und Reaktionszeit des Tablets begeistert.
Design
“Um Steves Gottes Willen! Wie grauslich ist eigentlich dieser breite schwarze Rand rund um das Display?” Das war meine spontane Reaktion, als ich das erste Bild vom iPad sah. Der schwarze Rahmen ist mindestens doppelt so dick, wie er höchstens sein sollte. Hässlich!
Wenn man aber ein wenig darüber nachdenkt, so geht hier eindeutig Funktion vor Design – und das ist gut so! Wie hält man ein Buch? Seitlich! Mit beiden Händen (außer es liegt irgendwie vor einem auf dem Tisch). Die Hände brauchen links und rechts einen gewissen Platz, um das Gerät fassen zu können. Wäre der schwarze Rahmen jetzt nur zirka einen Zentimeter dick, so würde man mit den Händen einen großen Teil des Bildschirms verdecken oder – was noch schlimmer ist – ungewollte Eingaben am Touchscreen damit machen. Der Rand hat also durchaus seine Daseinsberechtigung.
Der Rest des Designs fügt sich schön in die bestehende Produktpalette von Apple ein. Ein Aluminium Unibody Case mit Glasoberfläche. (An dieser Stelle meine These: Das nächste iPhone wird ebenfalls ein Unibody Case haben.)
Software
Jetzt kommen wir zum interessantesten Teil des iPad – der Software. Das iPad setzt wie vermutet eine adaptierte Version des iPhone OS ein. Ein großer Vorteil ist hier, dass alle 140.000 Apps aus dem AppStore auf dem iPad laufen; Entweder in Originalgröße, oder via Pixel-Verdopplung angepasst auf den größeren Screen des iPad.
Daneben stellte Apple auch Programme vor, die speziell für das iPad geschrieben wurden: iBooks, Keynote, Pages und Numbers.Die Möglichkeiten, die sich mit dieser neuen Kategorie von Multitouch Anwendungen bieten sind faszinierend. Nie hätte ich mir gedacht, ein Präsentationsprogramm wie Keynote ohne Maus oder Hardware-Tastatur bedienen zu können. Ähnlich ging es mir, als ich Numbers und Pages gesehen habe. Hier bin ich gespannt, welche Programme in den nächsten Wochen in den Appstore gelangen, die speziell auf die Möglichkeiten des iPad angepasst wurden.
Jetzt kommt das große aber:
Das Betriebssystem des iPad wirkt, als ob es in letzter Minute fertig geworden ist, damit es bei der Keynote gezeigt werden kann. Es fallen kleine Inkonsistenzen auf: Unterschiedliche Größen gleicher Bedienelemente in verschiedenen Programmen, sowie deren unterschiedliche Anordnung. Eigentlich ist so etwas nicht typisch für Apple. Ich verstehe auch nicht, wieso man den vielen Platz auf dem Lock Screen nicht effizienter genutzt hat, oder die Anordnung der Icons am Home Screen adaptiert hat. Auf einem fast 10 Zoll großen Bildschirm bieten sich doch genug Möglichkeiten (wie zum Beispiel Stacks). Wünschenswert wäre meiner Meinung auch ein kleinerer Raster, in dem die Icons angeordnet werden und die Möglichkeit, Icons frei in diesem Raster anordnen zu können. Soll heißen: Es kann Freiraum zwischen den Icons geschaffen werden. Ich könnte zum Beispiel zwei Icons rechts unten im Raster anordnen und die restlichen links oben. Das wäre übrigens auch für das iPhone wünschenswert.
Was ebenfalls fehlt ist die Unterstützung von Hintergrundprozessen (=Multitasking). Programmierer für gejailbreakte iPhones machten vor, wie so etwas funktionieren könnte und ich muss sagen, es funktioniert ausgesprochen gut! Während man ein Spiel spielt, kann man dieses Pausieren, schnell in den Browser wechseln, kurz im Internet surfen und dann gleich wieder ins Spiel wechseln, ohne es neu starten zu müssen.
Wenn man sich die oben erwähnten “Mängel” ansieht und noch die Rumors des nächsten Updates der iPhone Software (auf 4.0) im Hinterkopf hat, so bleibt zu hoffen, dass vor dem Verkaufsstart des iPad, eben diese neue Software bereits veröffentlicht ist. Sie könnte einiges an neuen Möglichkeiten und Problemlösungen bieten.
Fazit
Das iPad ist ein durchaus gelungenes Gadget, das im Großen und Ganzen nur deshalb enttäuscht, weil es vorher durch diverse Gerüchte in den Himmel gelobt wurde. Mankos in Sachen Software lassen sich mit Updates ohne Weiteres beseitigen. Betrachten wir es doch einmal so: Das iPad ist 10% Hardware und 90% Software (analog zu iPhone und iPod Touch). Mit einem Betriebssystemupdate lässt sich so gut wie alles an diesem Gerät verändern. Man könnte sich sogar fühlen, als hielte man ein komplett neues Gerät in Händen – mit neuen Funktionen, neuen Möglichkeiten!
Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mir das iPad nicht irgendwann kaufen werde. Wahrscheinlich die 3G Version. So unter uns gesagt, man braucht hier keine speziellen Datentarife und muss auch nicht darauf warten, dass Netzbetreiber MicroSIM Karten herausbringen, mit denen man dann das iPad im Mobilfunknetz betreiben kann. Normale SIM Karten und MicroSIM Karten haben einen identischen Chip. Lediglich das Plastik rundherum macht den Unterschied. (Tipp: Schnipp/Schnapp).
Ein Update dieses Artikels wird es voraussichtlich in einigen Wochen geben, wenn das iPad hierzulande erhältlich ist und ich nach einem Probebetrieb mehr darüber sagen kann. In diesem Sinne:
Schau’ma moi…





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